Das Armenviertel „Barrio Virgen de Guadalupe“ in Reconquista/Prov. Sta. Fe

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    Die Stadt Reconquista – Gestern und Heute



An der Stelle, wo später die Stadt Reconquista gegründet wurde, war im 18. Jahrhundert eine Missionsstation der Jesuiten, die die Eingeborenen zum Christentum bekehrten. Im Jahr 1872 wurde die strategische Bedeutung (militärisch und wirtschaftlich) des Ortes wegen seiner Grenznähe zu Brasilien und Paraguay, sowie wegen der Rohstoffe (hauptsächlich Holz) und Weidegründe vom damaligen Kriegsminister erkannt. So wurde im gleichen Jahr zur Erschließung des Nordostens Argentiniens von Buenos Aires aus durch General Manuel Obligado Reconquista gegründet. Die ersten Bewohner waren dann auch die Soldaten mit ihren Familien, die hier zur Verteidigung und Eroberung des Nordostens eingesetzt wurden und Land an Stelle von Sold übertragen bekamen. Mit ihnen kamen auch Händler. Neben den Militäranlagen wurden „Häuschen aus Lehm und Stroh für die Chefs und Offiziellen“ erbaut.1 General Obligado wurde von der Provinzregierung mit der Verteilung des Landes beauftragt, daß von den Eingeborenen erobert worden war.2

Das an die Soldaten vergebene Land verloren diese dann bei Glücksspielen und durch Trunkenheit hauptsächlich an die ebenso hinzugezogenen Händler zur Bezahlung ihrer Rechnungen.3 So wurden später ganze Stadtteile auf dem Grund und Boden einiger weniger Kaufleute errichtet, deren Familien diesen meist bis heute noch besitzen.

Bei der Volkszählung im Jahr 1980 wurden in der Stadt Reconquista 42700 Einwohner gezählt. Im Jahr 1994 sind es nach Schätzungen ca. 55000 Einwohner.



„Reconquista ist wie ein Bermuda Dreieck!“4

„In dieser Region da kämpft jeder gegen jeden.“5



In der Stadt Reconquista regiert 1994 die Gerechtigkeitspartei6, d.h. die Peronisten, wie auch in der Provinzregierung Sta. Fe mit dem ehemaligen Rennfahrer Carlos Reutemann als Präsidenten.

Reconquista war Ende der 60er Jahre und in den 70er Jahren die Zentrale der Guerilla in Argentinien, wo sie nie verfolgt wurden7 und bis heute teilweise noch leben. Einige von ihnen sind in Anfang der 80’ er Jahre entstandenen und von Ex - GuerillakämpferInnen gegründeten „Hilfsorganisationen“ untergekommen8, um dort ihre Lebensideale umzusetzen und um (vermutlich) an ausländische Gelder zu kommen, mit denen unter anderem die Hilfsbedürftigen nach den eigenen politischen Zielen „gekauft“ werden (können).



Die wichtigstenen in Reconquista vertretenen Wirtschaftszweige sind: Fleichschverarbeitung, Öl- und Getreideverarbeitung, sowie Textilgewerbe, daß die Baumwollente der umliegenden Felder verarbeitet. Mit der Firma „Vincentin“ ist Südamerikas ehemals größte und modernste Speiseölfabrik in Reconquista/Avellaneda angesiedelt.



Die Entstehung des Barrios Guadalupe



Während der Militärdiktatur 1976-1983 hatte die Stadt Reconquista einen starken Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen, da die wachsende Industrie und Handel verstärkt Arbeitskräfte nachfragte. Insbesondere aber wurden Saisonkräfte für die Baumwollernte benötigt. Diese Migration bedeutete eine Zunahme von Familien mit geringen finanziellen Mitteln und ein großes Defizit von Wohnungen. Um dieses Problem zu lösen, unterzeichnete der damalige Bürgermeister während der „de-facto-Regierung“ (Militärdiktatur) im April 1980 die Verordnung "Plan para Eradicación de Ranchos" (Plan zur Ausrottung von Lehmhütten) und stellte zwei Gelände außerhalb der Stadtgrenzen für ein Pilotprojekt zur Verfügung. Aus dem einen wurde das Barrio "La Cortada" und aus dem anderen das Barrio "Virgen de Guadalupe". Letzteres liegt ca. 5 km vom Zentrum Reconquistas entfernt im Südwesten außerhalb der Stadtgrenze.

Die von der Umsiedlung betroffenen Familien wurden, um ihnen "größere Sicherheit" zu bieten, von den Rändern der öffentlichen Straßen, der Nationalstraße und der Zufahrtsstraße zum Industriegebiet auf das freie Feld umgesiedelt. Die betroffenen Familien und Einzelpersonen schlossen mit der Stadt Reconquista einen Kaufvertrag ab, der ihnen Baugrundstücke von jeweils 10 x 14,30 m übertrug. Auf diesen sollte im hinteren Teil als Provisorium ein traditionelles "rancho", eine Lehmhütte, erbaut werden. In einem weiteren Schritt sollte dann ein stabiles Steinhaus im vorderen Teil der Parzelle erbaut werden. Insgesamt besteht das Barrio aus 16 Häuserblöcken à 28 Baugrundstücken.

Die Lebenssituation der Bewohner(innen)


Im Barrio Virgen de Guadalupe gibt es einen hohen Anteil von Arbeitslosigkeit, bzw. Unterbeschäftigung mit einem Lohn, der kaum die Familie ernähren kann. Bezogen auf die arbeitsfähige Bevölkerung des Barrios sind: ca. 22 % der BewohnerInnen arbeitslos, 4 % der BewohnerInnen unterbeschäftigt und nur 9,5 % der BewohnerInnen haben eine feste Anstellung, vorwiegend innerhalb der Stadtverwaltung Reconquistas9. Die Leute arbeiten temporär als Erntehelfer (z.B. bei der Baumwollernte) oder suchen sich "changas", Gelegenheitsarbeiten, für einen oder mehrere Tage (z.B. Maurer - oder Verladetätigkeiten). Oder - sofern sie im Besitz eines Pferdewagens sind - sammeln sie mit diesem Abfälle und Müll aus dem Zentrum Reconquistas auf und sortieren ihn. Hauptsächlich werden die gefundenen Rohstoffe, wie z.B. Glas und Papier verkauft. Viele Frauen arbeiten als Hausangestellte bei den wohlhabenden Oberschichtsangehörigen des Zentrums für einen Lohn von zwei bis drei $ pro Stunde (bei eher höheren Lebenshaltungskosten wie in Deutschland) und ohne Sozialversicherung.

Viele Bewohner des Barrios leben in reetgedeckten Hütten, den ranchos. Einige haben sich mit eigenen Mitteln Steinhäuser mit Wellblechdächern gebaut, doch weniger als ein Drittel aller Familien haben Bad und fließendes Wasser, bzw. Toilette in ihrer Behausung. Bei der Mehrzahl der Hütten befindet sich jedoch ein „Plumpsklo“ im Garten. Den kinderreichen Familien (ca. 32 % der BewohnerInnen sind Kinder10) steht nur geringer Wohnraum zur Verfügung; oft ist Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer für Kinder und Eltern nur ein einziger Raum, der vor allem im Herbst bei den kurzen und heftigen Unwettern ungenügenden Schutz gegen Kälte, Feuchtigkeit und Nässe bietet.

Das größte Problem des Gemeinwesens „Barrio Guadalupe“ ist aber die fehlende Solidarität unter den Bewohnern, da sie aus verschiedenen Teilen der Stadt angesiedelt wurden, und so kein gewachsene Struktur vorhanden ist.



Der Einfluß der Lebenskultur auf die Bauweise der Behausung



(...) in Reconquista und im Norden von Santa Fe, findet man Lehmhütten in denen, mit viel Erfindungsgabe, der (Innen-) Hof ist, in dem das Leben der Familie stattfindet, ein kleiner Kreuzgang, richtig ausgestattet für die Umsetzung des größten Teils der Funktionen des Lebens: Haushalt und Kontakte.“11



Die Inneneinrichtung des Hauses oder der Wohnung hat keine sehr große Bedeutung. Die meiste freie Zeit wird in der Provinz Sta. Fe draußen verbracht. Dort wird auch - von denen, dies sich das leisten können - das berühmte „asado“12 zubereitet, das aus direkt über dem Feuer gegrilltem Rindfleisch besteht.

Zur für Argentinien typischen starken Gegenwartsorientierung13 vor allem der BewohnerInnen in den Armenvierteln, paßt auch die traditionelle Bauweise des „ranchos“, des Lehmhauses, das nur eine sehr begrenzte Lebensdauer hat und somit auch andere Ansprüche an eine Instandhaltung setzt, wie ein Haus aus Betonsteinen. Besonders im Rahmen von Entwicklungshilfe wurde das Haus aus Betonsteinen und Blechdach in einschlägigen Publikationen der Architekten für Hausbauprojekte in Selbsthilfe bisher immer empfohlen.14

Die traditionellen Häuser in der Provinz Sta. Fe haben meist einen (Innen-) Hof, oder wenn dieser fehlt, den Platz vor dem Eingang, wo sich dann bis auf das Schlafen bei der entsprechenden Witterung fast alles abspielt. Vor allem am Abend wird dann vor dem Haus der Mate15 getrunken. Der Vorplatz oder Hof müssen also während der langen Hitzeperioden vor allem Schatten spenden und die Behausung muß in der Nacht kühl sein, so daß Bäume eine wichtige Rolle als Schattenspender spielen.



Die Infrastruktur



Innerhalb von 14 Jahren entstand im Barrio Virgen de Guadalupe eine relativ gut ausgebaute Infrastruktur im Vergleich zu den anderen Armenvierteln um Reconquista. 1989 wurde mit Geldern von Misereor ein Wassertank erbaut, der 40.000 l Wasser faßt Es wird gechlort (mit Chemie von der BASF in Ludwigshafen) und regelmäßig auf die Wasserqualität hin überprüft. Auch wurden alle Grundstücke mit einem Trinkwasseranschluß versehen. Die ungefaßten Abwässer bilden allerdings eine stinkende Kloake an den Häusern entlang, die nur in den Zeiten vor den Wahlen von der Stadt Reconquista gesäubert werden.

70% der Familien besitzen elektrisches Licht, wobei viele Häuser illegal an die Oberleitung angeschlossen werden, mit entsprechend gefährlichen und provisorischen Anschlüssen.

Die Zufahrtsstraße aus Erde, die von Fahrzeugen wie von den vielen Fußgängern gleichermaßen benutzt wird, ist bei starken Regenfällen einzige Schlammsuhle, so das dann auch der tagsüber stündlich verkehrende Bus die Fahrten in das Barrio einstellt16. Während der Trockenzeit werden die Fußgänger von den Fahrzeugen auf der Zufahrtsstraße mit entsprechend viel Staub überzogen.

Es gibt eine Grundschule im Barrio und eine weiterführende Schule außerhalb, in die auch Kinder anderer Barrios gehen. Allerdings können nur wenige Familien - zumal mit mehreren Kindern - die Schulbücher und das Schreibmaterial finanzieren.

In der Schule erhalten die Kinder mittags ein Essen. Die noch nicht schulpflichtigen Kinder bekommen von Montag bis Samstag in einem für einen Kinderhort vorgesehenen Rohbau (ebenfalls finanziert von Misereor, aber wegen Korruption nie fertiggestellt worden) ein Mittagessen, und später am Nachmittag gibt es für alle Kinder des Barrios Milch aus Milchpulver und ein Brötchen. Die Lebensmittel werden von Mo-Sa von der Stadt kostenfrei angeliefert und von Frauen des Barrios zubereitet und verteilt.


Zuletzt geändert: 26.12.2004, 01:48:47

1Übersetzung des Verfassers nach einem Zitat aus: Roselli, Manuel: „Historia de Reconquista“ 1980 S. 73

2vgl. Kopie aus einem Reisführer über Südamerika S.80

3Nach Erzählungen von Bewohnern Reconquistas

4Übersetzung des Verfassers nach Aussage eines Mitgliedes der OR.VI.PO. Leitungskommission

5Zitat Dr. Spitzeck, eze/Bonn (Gesprächsprotokoll)

6Partido Justicialista (PJ)

7Tagebucheintrag nach einem Gespräch mit einem Freund in Reconquista.

8Nach Gesprächsprotokoll des Besuches bei der eze in Bonn.

9Berechnet auf der Basis einer Sozialerhebung des Instituto de Servicio Social Juan XXIII - C. 191 in Reconquista aus dem Jahr 1992

10Berechnet auf der Basis einer Sozialerhebung des Instituto de Servicio Social Juan XXIII - C. 191 in Reconquista aus dem Jahr 1992

11Beretta, Horacio „10 articulaos“ de AVE (Asociacion Vivienda Économica) Cordoba/Argentinien 1985

12Braten

13Los villeros por sus experiencias de vida, en general frustrantes y dolorosas, sólo pueden tolerar pscológicamnte el „presente“, el hoy; y como actitud defensa, se desintersan de futuro.“ Buthet, Carlos J.J. u. a.: „Vivienda y Organizacion Comunitaria“ Buenos Aires / Argentinien 1990 S.37

14„Wenn die Schätzungen zutreffen, daß heute immer noch etwa die Hälfte der Weltbevölkerung in Lehmhäusern jedweder Art wohnt, dann zeigt das einem auch, daß ein solch billiger, umweltfreundlicher und vielerorts am Bauplatz direkt verfügbarer Baustoff für die Bewohner noch immer eine einfache Bleibe bieten und auch weiterhin so verwendet werden kann.“ Körte, A. in „Habitat Abschlußbericht Band 2“ Interdisziplinäres der Forschungsprojekt Philipps-Universität Marburg und TH Darmstadt; Marburg 1991 S60

15argentinisches Nationalgetränk, daß aus der Matepflanze gewonnen wird. Die Blätter haben eine stimulierende Wirkung (ähnlich dem Tee), wenn sie (geröstet oder nur getrocknet) im Mategefäß (Hülse der Matefrucht) mit kochendem Wasser aufgegossen und einem Metallröhrchen meist unter Beimischung von viel Zucker gegen den Hunger, getrunken wird. Das Trinken in der Gruppe ist ein gesellschaftliches Ritual.

16Für die einfache Fahrt mit dem alten Bus eines privaten Unternehmers muß 1 $ bezahlt werden (Stand 1994).